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Großes Potenzial: Studie der Europäischen Kommission nimmt Markt für Privatplatzierungen in Europa unter die Lupe

Großes Marktpotenzial im Bereich Cross-Border-Aktivitäten in Europa / Für viele europäische KMU können Privatplatzierungen der erste Schritt Richtung Kapitalmarkt sein / Keine signifikanten regulatorischen Hindernisse

Erklärtes Ziel der Europäischen Kommission ist es, vor allem für kleine und mittelgroße Unternehmen verbesserte Rahmenbedingungen im Bereich der Finanzierung zu schaffen. Zu den innovativen Formen der Unternehmensfinanzierung, die die Europäische Kommission in diesem Zusammenhang im Blick hat, zählt auch die Mittelaufnahme durch Privatplatzierungen (private placement of debt / PP).

Zur Einschätzung des europaweiten Marktpotenzials dieser Finanzierungsform hat die Europäische Kommission die Studie „Identifying market and regulatory obstacles to the development of private placement of debt in the EU“ in Auftrag gegeben, die von The Boston Consulting Group (BCG) und Linklaters LLP durchgeführt wurde.

Bewährte Verfahren und Hindernisse

Die Studie identifiziert bewährte Verfahren (best practices) und beurteilt potenzielle regulatorische Hindernisse für den weiteren Ausbau des Marktes für private Platzierungen in der EU. Die Studie untersucht auch das Wachstumspotenzial der Privatplatzierungsmärkte in der EU, um der Europäischen Kommission dabei zu helfen, zu beurteilen, ob eine Anpassung der Kapitalkosten nach Solvency II für Versicherungsunternehmen erforderlich ist, die in privat platzierte Schuldtitel investieren.

In Deutschland und Frankreich fest etabliert

In Deutschland ist diese Form der Unternehmensfinanzierung in Form von Schuldscheinen bereits seit längerem im Markt etabliert. Der Euro-PP-Markt in Frankreich ist der zweitgrößte Markt für Privatplatzierungen in Europa. Er existiert seit 2012. In anderen EU-Staaten wird diese Form der Finanzierung bislang vergleichsweise wenig genutzt. Im Bereich der KMU überwiegt die klassische Kreditfinanzierung durch Banken. Im Gegensatz dazu verfügen die USA bereits seit langem über einen etablierten Markt für Privatplatzierungen.

Deutliches Wachstum

Der Schuldschein-Markt in Deutschland ist in den vergangenen Jahren deutlich gewachsen. 2006 lag das Gesamt-Emissionsvolumen bei 1,28 Milliarden Euro verteilt auf weniger als 20 Transaktionen. Im Jahr 2016 wurden - soweit bekannt - rund 120 Transaktionen mit einem Emissionsvolumen von 25 Milliarden Euro durchgeführt. Die durchschnittliche Transaktionsgröße lag 2016 bei rund 210 Millionen Euro, wobei die Spannweite zwischen 10 Millionen Euro und 1,6 Milliarden Euro betrug. 

Auch in Frankreich hat sich in den vergangenen Jahren ein Markt für Privatplatzierungen entwickelt. Das Marktvolumen des Euro-PP ist im zweitgrößten europäischen Markt für Privatplatzierungen mit 4,5 Milliarden Euro im Jahr 2016 zwar bislang deutlich geringer als in Deutschland. Allerdings hat sich in Frankreich die Anzahl der Transaktionen im Zeitraum von 2012 bis 2016 von 23 auf 68 fast verdreifacht.

Ansprache neuer Investorengruppen

Für viele europäische KMU können Privatplatzierungen der erste Schritt Richtung Kapitalmarkt sein und neue Investorengruppen ansprechen. Im Vergleich zu Corporate Bonds ist hier die Dokumentation einfacher und flexibler. Zudem sind die Kosten des Ausgabeverfahrens geringer im Vergleich zu Anleiheemissionen. Darüber hinaus bieten Privatplatzierungen eine Finanzierungsoption, die in der Vergangenheit nachweislich von anderen Marktentwicklungen abgekoppelt funktionierte. So können Privatplatzierungen beispielsweise eine Option sein, wenn Kredit- oder Bondmärkte aufgrund makroökonomischer Umstände als Finanzierungsquelle ausfallen.

Großes Potenzial bei Cross-Border-Aktivitäten

Die Studie hebt das große Marktpotenzial im Bereich Cross-Border-Aktivitäten in Europa hervor. So ließen sich in Frankreich für 2016 30 Prozent des Marktvolumens internationalen Emittenten zurechnen. In Deutschland waren es im gleichen Jahr schon rund 40 Prozent. Bereits heute können Unternehmen aus allen EU-Ländern Privatplatzierungen in den existierenden Märkten begeben. Basierend auf der EU-weiten Anzahl potenzieller Emittenten erwartet die Studie substanzielles Potenzial für Cross-Border-Aktivitäten in Ländern mit mindestens 1.000 potenziellen Emittenten. Dieses Kriterium wird derzeit erfüllt von Italien, Spanien, den Niederlanden, Belgien, Österreich, Dänemark, Irland, Schweden, Polen und Großbritannien.

Dr. Christian Storck, Partner bei Linklaters und Experte für Kapitalmarktrecht sagt: „Wir sehen europaweit großes Potenzial für PPs als alternatives, zusätzliches Finanzierungsinstrument, vor allem im Cross-Border-Bereich. PPs bieten eine hervorragende Ergänzung zur klassischen Kreditfinanzierung und eröffnen Unternehmen Zugang zu neuen Investorengruppen.“

Hohes Nachfragepotenzial

Für Unternehmen mit starkem Rating bieten Privatplatzierungen eine attraktive Finanzierungsquelle. Die Nachfrage bei Investoren nach Privatplatzierungen ist hoch und überstieg in der Vergangenheit das Angebot. Sowohl Banken als auch institutionelle Investoren signalisieren Interesse in Privatplatzierungen ausländischer Unternehmen zu investieren. Zudem ist damit zu rechnen, dass künftig zunehmend internationale Investoren u.a. aus dem asiatisch-pazifischen Raum den Kreis der Investoren erweitern werden.

Dr. Christian Storck: „Immer mehr Emittenten aus dem europäischen Ausland interessieren sich beispielsweise für den deutschen Schuldschein-Markt. Die qualitative Begleitung durch die arrangierenden Banken sowie die Bandbreite der Investoren führen immer wieder zu einem attraktiven Preis-Mix für Emittenten. Auch wenn es im vergangenen Jahr mit Carillion einen Kredit-Ausfall gab, der auch den Schuldschein-Markt traf, sind die Ausfallraten historisch gering. Dies ist ein Qualitätsmerkmal des Schuldschein-Marktes und attraktiv für Investoren.“

Keine signifikanten regulatorischen Hindernisse

Für die Ausweitung der Cross-Border-Aktivitäten innerhalb der Europäischen Union gibt es der Studie zufolge keine signifikanten regulatorischen Hindernisse.  Ungeachtet bestimmter, meist geringer, regulatorischer Bedenken auf nationaler Ebene, stellt die Studie fest, dass es keine wesentlichen regulatorischen Probleme gibt, die sofortige Aufmerksamkeit erfordern. Bedenken beziehen sich eher auf die Abstimmung der verschiedenen nationalen Rechts- und Regulierungssysteme, die für solche Instrumente gelten, zum Beispiel die Behandlung von Kapitalertragsteuern im Rahmen solcher Instrumente.

Dr. Christian Storck: „Generell bedarf der PP-Markt keiner gesonderten Regulierung. Gerade die Flexibilität des Marktes und des Produkts wird von Investoren wie Emittenten geschätzt.“

Impulse durch Innovationen

Produktinnovationen können ebenfalls zur weiteren Verbreitung von Privatplatzierungen beitragen. So erleichtern Private Placement Funds, die von einigen Banken aufgelegt wurden, den Einstieg in den Markt und helfen die Investorenbasis zu vergrößern. Auch standardisierte Dokumentationen können den Markteintritt für Neueinsteiger erleichtern. Darüber hinaus haben Ratingagenturen begonnen, Ratings für Privatplatzierungen anzubieten. Das kommt institutionellen Anlegern entgegen, die intern keine Bonitätsprüfung vornehmen können. Darüber hinaus entstehen Online-Plattformen für Privatplatzierungs-Transaktionen. Dies führt letztlich zu größerer Transparenz und Konkurrenz. Zudem erleichtern sie die Schaffung von Sekundärmärkten für Privatplatzierungen.

Zusammenfassung

Privatplatzierungen haben europaweit das Potenzial, traditionelle Finanzierungsinstrumente zu ergänzen – mit Vorteilen für Emittenten, Investoren und Arrangeure. Sie können besonders KMU neue Finanzierungswege eröffnen, zugleich bieten sie Investoren die Möglichkeit ihr Portfolio zu diversifizieren. Die Studie zeigt, dass sowohl der deutsche Markt für Schuldscheine sowie der französische Euro-PP-Markt gut funktionieren und weiterwachsen. Darüber hinaus gibt es laut der Studie keine substanziellen regulatorischen Barrieren die einem weiteren, europaweiten Wachstum des Marktes für Privatplatzierungen entgegenstehen.